http://www.payer.de/arztpatient/gesundheitsoekonomie04.htm
- Manager-Ärztin-Patient-Verhältnis im Managed-Care-System
Dr. med. Susanne Blessing, geb. 1957, Fachärztin für Allgemeinmedizin:
- Als Insiderin möchte ich behaupten, dass die überwiegende Mehrzahl der Patienten, Ärzte und Krankenkassen nicht aus Überzeugung, sondern nur wegen der Mitnahmeeffekte an den hoch gelobten Disease-Management-Programmen (DMP) teilnehmen (money, money ...). Eine Qualitätsüberprüfung dieser von den Initiatoren sicher in bester Absicht eingeführten Programme würde mit Sicherheit unglaubliche Qualitätsmängel ergeben.Bei allen Managed-Care-Modellen und Projekten nimmt das Management viel Zeit in Anspruch. Da ein Hausarzt keine regelmäßige Zeitreserve zur Verfügung hat und die ihm aufgebürdete Verwaltungsarbeit zunimmt, geht also der Zeitverlust auf Kosten des Kontaktes mit dem Patienten und seiner direkten Betreuung. Ein zunehmender Verwaltungs- und Management-Aufwand beim Hausarzt, der ja Arzt werden wollte und nicht Manager, führt zu zunehmender Frustration an seinem Beruf und damit zu einer allgemeinen Leistungsminderung. Der Endeffekt von Managed Care wäre damit eine insgesamt schlechtere hausärztliche Versorgung. Deshalb sollte man endlich aufhören, mit Verwaltungsarbeit eine "Gesundheitsverbesserung" erreichen zu wollen. Selbst in der Betriebswirtschaft weiß man, dass der wichtigste Erfolgsfaktor motivierte und zufriedene Mitarbeiter sind. Sonst geht das wichtigste Betriebs"kapital" in die innere Emigration, erleidet das Burn-Out-Syndrom oder wandert ab. Das gilt auch für Hausärzte.
- Eine lokal operierende Hausarztpraxis kann betriebswirtschaftlich nur mit einem kleinen Handwerksbetrieb, aber doch nicht mit Großunternehmen der Industrie (Strategiecontrolling etc.) verglichen werden. Außerdem würden durch betrieblich veranlasste Zusatzleistungen (unwirtschaftliche) Mehrkosten für das Gesamtsystem entstehen. Dies kann nicht im Sinn einer solidarischen Krankenversicherung sein.
Wettbewerb (diametral zu Solidarität) sollte nicht zu euphorisch gesehen werden.
Erstens besteht bereits ein Wettbewerb zwischen den Anbietern, (der ja angeblich zu Kostensteigerungen führt!), und
zweitens bedingt ein Wettbewerb auch für den Patienten langfristig unerwünschte Effekte (Dumping, Rabattaktionen, letztendlich Konzentration und Monopolbildungen).
Wehret den Anfängen! Auch sollten Patienten nicht durch Lockangebote (z. B. nur kurzfristig geltende niedrigere Prämien und Zusatzangebote) irregeführt werden! In diesem Zusammenhang seien auch die diversen Bonusangebote der verschiedenen Krankenkassen genannt, die nur als Werbemaßnahmen fungieren. Wir müssen uns entscheiden, ob wir in Deutschland eine abgerundete Versicherung für alle oder eine Teil- und Vollkaskoversicherung mit der Gefahr der zusätzlichen Einforderung von (nicht vorhandenen) Steuermitteln wollen. Viele Patienten sind bereit, für eine gute Versorgung auch etwas mehr zu bezahlen.
Der Einfluss der Pharmaindustrie mit ihrer optimalen Lobbyarbeit wird erheblich unterschätzt. Hier könnte durch entsprechende Regelungen sicherlich am meisten eingespart werden, was aber unter Berufung auf die "freie Marktwirtschaft" angeblich nicht möglich ist. Die Beeinflussung von "Experten", Meinungsbildnern, Studien (durch dringend gewünschte Drittmittel), von Patienten, Selbsthilfegruppen und von ärztlichen Fortbildungsveranstaltungen, um nur einige Beispiele zu nennen, kostet das Gesundheitssystem jährlich steigende Summen.
- Primärprävention ist eine gesellschaftspolitische Aufgabe. Jeder Insider weiß, wie frustrierend die Beratung von Rauchern und Übergewichtigen sein kann. Wenn Familien und Schulen hierin versagen, kann man dies nicht den Ärzten aufbinden. Ärzte können hier beratend tätig werden, aber das gesellschaftliche "Bewusstsein" oder auch die Vorbildfunktion von Prominenten können Ärzte nicht groß beeinflussen. Hier sind sicherlich vor allem die Medien gefragt.
- Im übrigen können politische Entscheidungsträger normalerweise nicht aus persönlicher Erfahrung mitreden, da sie im System natürlich privilegiert behandelt werden.
Die Krankenversicherungen dürfen - angesichts der Negativbeispiele aus den USA - keinen direkten Einfluss auf die Behandlung erhalten, auch wenn sie dies wünschen. Bereits jetzt haben die Kassen durch den gemeinsamen Bundesausschuss und die MDK-Prüfungen [Medizinischer Dienst der Krankenkassen] erhebliche Einflussmöglichkeiten, die auch genutzt werden. In einem demokratischen solidarischen Staat müssen - auch wenn die Vorgänge manchmal länger dauern - die Entscheidungen pluralistisch getroffen werden, denn Monopole sollten ja gerade verhindert werden.
Integrierte Versorgung kann nur in ganz kleinen Bereichen juristisch korrekt "geplant" werden. Die große Gefahr bei Integrierter Versorgung besteht darin, dass geschlossene Zirkel (ohne Wettbewerb) entstehen, die der Gefahr unterliegen, die Patientenversorgung immer weiter herunterzufahren, um einen Bonus fürs eigene geschlossene System zu erwirtschaften. Der Patient ist hier chancenlos. Alternativ müssten sich alle im Gesundheitssystem wirklich bemühen, auf dem kleinen Dienstweg und unbürokratisch das jeweils gerade Beste für den Patienten zu wählen, wie es von bewährten Hausarztpraxen (mit losen und nicht fixierten Kontakten zu Facharztpraxen und Kliniken) seit Jahrzehnten auch erfolgreich praktiziert wird. Eine Planung und vorherige vertragliche Absicherung bis ins kleinste Detail kann betriebswirtschaftlich hiermit nie konkurrieren. Allerdings ist dieses patientenideale System in Gefahr, da nur noch ca. 10% eines Medizinerjahrgangs den schwierigen Gang in die Hausarztpraxis wagen wollen. Die Politik hat hier ihre letzte Chance, ein bewährtes System am Leben zu erhalten; ansonsten folgt (ungewollt/gewollt?) der Übergang in eine standardisierte Staatsmedizin.
Ganzer lesenswerter Artikel: http://www.payer.de/arztpatient/gesundheitsoekonomie04.htm
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