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«Das Gesundheitswesen ist eine leere Baugrube, in der niemand arbeitet»: Hans Heinrich Brunner.
Hans Heinrich Brunner geht hart ins Gericht mit Gesundheitsminister Couchepin: Dieser halte mit Taschenspielertricks die Prämien der Krankenkassen tief, sagt der Ex-Chefbeamte.
Mit Hans Heinrich Brunner sprachen Philipp Mäder und Annetta Bundi in Luzern
Er gilt als Macher, der den Konflikt nicht scheut. Aber auch als jemand, der aneckt. Diesem Ruf wurde Hans Heinrich Brunner von 2004 bis 2005 als Vizedirektor des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) gerecht. Dort setzte er alles daran, die Kosten im Gesundheitswesen zu senken: Er trat für die Streichung der Komplementärmedizin aus der Grundversicherung ein. Er handelte mit der Pharmaindustrie ein Abkommen für tiefere Medikamentenpreise aus. Und er liess Krankenkassen bei kostensparenden Modellen gewähren, auch wenn diese das Gesetz gar weit auslegten.
Seit einigen Monaten allerdings findet im Departement von Gesundheitsminister Pascal Couchepin ein Umdenken statt: Die Kassen werden an die Kandare genommen, der Grundleistungskatalog wird nicht weiter zusammengestrichen und die Komplementärmedizin positiver beurteilt.
Man könne einen dreistelligen Millionenbetrag sparen, indem man gewisse Behandlungen aus der Grundversicherung kippe: Das sagten Sie als Vizedirektor des Bundesamtes für Gesundheit. Das sage ich immer noch.
Passiert ist aber wenig. Bundesrat Pascal Couchepin will den Grundleistungskatalog nicht weiter ausdünnen. Enttäuscht? Wir sind im Wahljahr und Herr Couchepin gehört einer Partei an, die dem Herbst mit mulmigen Gefühlen entgegenschaut. Deshalb will er keine heiklen Situationen, die Stimmen kosten.
Das Departement gibt andere Gründe an: Sie, Herr Brunner, hätten keine weiteren umsetzbaren Vorschläge gemacht. Das ist völlig läppisch. Als nächstes wäre die Analyseliste drangewesen. Doch das BAG und Herr Couchepin haben das ausgebremst. Das fertige Projekt verrottet nun irgendwo in einer Schublade.
Worum ging es dabei? Ich wollte die Preise für Analysen senken - etwa bei Blut- und Urinproben. Die Labore der Schweiz sind mindestens drei mal so teuer wie in Europa. Für ausländische Labors sind wir eine Goldgrube.
Wieso sind die Preise so hoch? Moderne Laborautomaten sind viel leistungsfähiger und brauchen viel weniger Personal als früher. Das wird bei den heutigen Tarifen nicht berücksichtigt. Herr Couchepin wollte, dass ich dieses Projekt nach meinem Weggang beim BAG gratis weiter betreue - vielleicht für eine Couchepin-Medaille, die es noch nicht gibt.
Nicht mehr kassenpflichtig ist einzig die Komplementärmedizin. Erachten Sie diesen Schritt, an dem Sie massgeblich beteiligt waren, noch immer als richtig? Sicher. Die Leistungen in der Grundversicherung müssen wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich sein. Diese Kriterien erfüllt die Komplementärmedizin nicht. Hätte man sie trotzdem zugelassen, müssten die Krankenkassen auch die Astral- und die Steintherapie bezahlen.
Also jede Scharlatanerie? Genau. Auch sie hat einen Placeboeffekt von dreissig bis vierzig Prozent. Und wissen Sie, was die wirkungsvollste komplementärmedizinische Methode ist?
Nein. Das Gebet. Deshalb hätte sich die Frage gestellt, ob auch Pfarrer über die Grundversicherung abrechnen können.
Ihr Nachfolger im BAG will nun auf die Alltagswirksamkeit abstellen, um die Komplementärmedizin neu zu beurteilen. Ich bin gespannt, was diese Alltagswirksamkeit sein soll. Das habe ich noch nie gehört. Wenn die Begriffe so diffus werden, bricht jede Argumentation zusammen.
Bereitet damit der Bund die Rückkehr der Komplementärmedizin in die Grundversicherung vor? Natürlich, denn der Druck ist gross. Doch so brechen alle Dämme und die Kosten steigen massiv.
Auch die Geschäftsprüfungskommission des Parlaments interessiert sich für die Vorgänge bei der Komplementärmedizin. Sie interessiert sich primär für die Frage, ob die Groupe Mutuel dank Beziehungen zu Herrn Couchepin als erste die Komplementärmedizin in der Zusatzversicherung anbieten konnte.
Krankenkassen wie die Helsana versuchen, die Grenzen des Gesetzes zu ritzen, um Kosten zu senken. Seit Sie nicht mehr beim BAG sind, schaut dieses den Krankenkassen aber genauer auf die Finger. Weshalb? Die Verwaltungsjuristen haben eine viel stärkere Position als früher. Für sie ist ein Gesetz ein Gesetz, das es durchzusetzen gilt. Die Kreise, die sich geschädigt fühlen, machten gewaltig Druck.
Wer genau? Zum Beispiel die Aargauer Kliniken, als es um den Aufenthalt zur Rehabilitation in Süddeutschland ging. Und die Apotheken, als die Helsana den Versandhandel von Medikamenten forcierte. Das hat Wirkung gezeigt. Wie gesagt: Es ist Wahljahr.
Haben Sie für die neue Strenge gegenüber den Krankenkassen kein Verständnis? Nein, das ist völlig lächerlich. Diese Leute meinen, die Schweiz bleibe eine Insel der Seligen, um die man eine unsichtbare Grenze ziehen könne. Dabei ist der Gesundheitsmarkt längst europäisch.
Auch bei den Medikamenten geht das BAG weniger forsch vor. Zwar will Bundesrat Couchepin die Preise teilweise weiter senken. Ein neues Abkommen mit der Pharmaindustrie lehnt er aber ab. Ist das für Sie richtig? Nein. Die Pharmaindustrie hat dem ersten Abkommen zugestimmt, wenn es zu weiteren Verträgen kommt. Nun wird dies nicht eingehalten. Anzufügen ist, dass die markanten Preissenkungen wie auch der Anstieg des Generikavolumens durch wettbewerbliche Instrumente wie einen differenzierten Selbstbehalt erzielt wurden. Das Schönreden von «mehr Markt und Wettbewerb im Gesundheitswesen» entlarvt sich erneut als Schafspelz eines dirigistischen und bürokratischen Wolfs.
Warum will man kein zweites Abkommen? Herr Couchepin ist der Auffassung, dass der Staat nicht mit der Privatwirtschaft verhandeln soll. Zudem gab es das Mail von Interpharma-Chef Thomas Cueni, der sich rühmte, wie er Herrn Couchepin den Tarif durchgeben könne. Das diente der Sache ebenfalls nicht.
Manche sagen aber, der Effekt des Abkommens sei rasch verpufft, weil neue Medikamente auf den Markt kamen. Das war von Anfang an klar. Trotzdem konnten wir dank dem Abkommen grosse Einsparungen realisieren. Und bei den Generika ist der Effekt nachhaltig. Vorher hatten alle nur über Generika gesprochen, ohne etwas zu unternehmen. Das ist das Grundproblem im Gesundheitswesen: Wir haben eine leere Baugrube, in der niemand arbeitet. Aber viele stehen am Rande der Grube und diskutieren, was man dort unten machen sollte. Und wenn jemand eine Schaufel in die Hand nimmt, bewirft man ihn mit Steinen.
Fast alles, was Sie als Vizedirektor des BAG veränderten, wird jetzt rückgängig gemacht oder nicht fortgeführt. Weshalb? Es gibt im Gesundheitsbereich eine zunehmende Unbeweglichkeit der verfetteten Institutionen. Das Kernproblem ist: Es fühlen sich alle wohl mit dem heutigen System. Es ist, wie wenn eine Gruppe sehr dicker Leuten an einem Tisch sitzt und Meringue isst. Dann kommt jemand und sagt: Ihr würdet besser spazieren gehen. Das will keiner, weil ein anderer die Meringue bezahlt.
Und weshalb wehrt sich der Prämienzahler nicht, der für die Meringue aufkommt? Herr Couchepin lullt die Prämienzahler ein, wenn er verkündet, dass die Krankenkassenbeiträge in den nächsten Jahren nur wenig steigen. Das ist ein Taschenspielertrick. Mit dem Senken der Reserven verscherbelt er das Familiensilber. Doch das Volk erkennt intuitiv, wenn es angelogen wird. Spätestens dann, wenn es der Wirtschaft wieder schlechter geht. Dann kehren die Probleme mit aller Wucht zurück.
Hans Heinrich Brunner
Heute arbeitet Hans Heinrich Brunner, 62, als stellvertretender Leiter der Notfallmedizin und als Forschungsleiter in der Notfallstation des Inselspitals Bern. Zuvor war er von 2004 bis 2005 als Vizedirektor des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) für den Bereich Kranken- und Unfallversicherung zuständig. Bis im Herbst 2006 betreute er zudem im BAG Projekte zur Kostenkontrolle im Gesundheitswesen. Zuvor arbeitete Brunner als Kardiologe im Kanton Luzern, war Co-Chefarzt am kantonalen Spital Sursee und sass für die FDP im Kantonsparlament. Von 1994 bis 2004 war er Präsident der Ärzteverbindung FMH. (mäd)
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